Kapitel 1: Der Abend vor dem Empfang

Wann ist das so geworden?


Du stehst am Freitagabend in der Halle. Die Tische sind eingedeckt. Die Technik läuft. Die Namensschilder liegen bereit. Die Pressemappe ist gedruckt mit den wichtigen Namen. Der Bürgermeister hat zugesagt. Morgen ist der große Jahresempfang.

Aber heute Abend seid Ihr zu dritt. Dieselben drei wie immer.

Ihr habt keine Helfer angerufen. Es gibt keine. Der Termin wurde von euch im Vorstand beschlossen – wie jedes Jahr der erste Samstag im März. Obwohl Ihr wisst, dass dann Fasching ist. Obwohl Ihr wisst, dass andere Vereine am selben Wochenende einladen.

Aber einen anderen Termin? Das Ganze überhaupt in Frage stellen? Das macht Ihr nicht. Das macht niemand mehr.

Morgen werden sie kommen. Sie werden zuhören, essen, ein Glas Wein trinken, miteinander reden. Sie werden sagen: „Schön war’s.“

Und dann werden sie gehen. Bis zum nächsten Jahr. Wenn Ihr sie wieder einladet. Wenn Ihr wieder zu dritt in der Halle steht.

Du stellst die letzten Stühle gerade und fragst Dich: Wann ist das so geworden? Wann haben wir eigentlich aufgehört, ein Team zu sein?

Es gab eine Zeit, da war das anders. Da war „Ich bin im Verein!“ mehr als eine Zeile im Lebenslauf. Es war ein Ort, an den man wollte. Da waren viele Freunde. Da war dieses Gefühl, etwas gemeinsam zu schaffen – etwas gemeinsam zu sein.

Wir hatten Vereins-T-Shirts. Wir haben sie getragen – nicht weil wir mussten, sondern weil wir wirklich stolz waren. Wir haben nicht gefragt: Was bringt mir das? Alle wollten dabei sein.

Und heute? Heute ist Vereinsarbeit eine Last. Eine Pflicht, die an wenigen hängt. Die anderen zahlen einen Beitrag, kommen vielleicht zu den Veranstaltungen, nehmen mit. Und gehen wieder. Keine Mitglieder. Es sind Gäste oder Nutzer.

Ich denke an einen Verein, den ich kenne. Seit Jahrzehnten deutschlandweit aktiv. Ein wichtiges Thema. Engagierte Gründer und Mitglieder. Und trotzdem: Die Aktiven werden weniger. Die Jüngeren bleiben fern. Die Mittelalten treten aus.

Nicht wegen des Themas. Das Thema ist gut – wichtiger denn je. Es liegt an etwas anderem. Zum Beispiel an einer Führung, die festhält. An Formaten, die niemand hinterfragt. An einem Vorstand, der so lange dabei ist, dass er nicht mehr sieht, wie weit der Abstand gewachsen ist – aber alles schon versucht hat.

Es gibt Ideen. Neue und andere Wege. Etwas Lebendiges aufbauen. Stattdessen wurde ein Buch gedruckt. Fünfzehntausend Euro. Es liegt jetzt im Lager. Niemand liest es.

Warum halten wir an Dingen fest, die nicht mehr funktionieren?
Warum fällt Loslassen so schwer?

Vereine sterben nicht, weil niemand mehr „Vereine“ will. Sie sterben, weil sie vergessen haben, warum die Menschen kommen (wollen). Nicht wegen des Programms. Nicht wegen der Veranstaltung.

Wegen der Gemeinschaft. Wegen des Gefühls, Teil von etwas zu sein.

Wenn Dein Verein keine Mitmacher mehr findet, liegt das nicht an den Leuten da draußen. Es liegt drin.

Du stellst den letzten Stuhl hin. Die Halle ist fertig. Und Du weißt: So wird es nicht weitergehen.


→ Kapitel 2: Das falsche Narrativ

Warum glauben wir unsere eigenen Ausreden?